VBC HOW
Fotoquelle: Stefan Lorenz
Fotoquelle: Stefan Lorenz
Der folgende Bericht erhebt keinen Anspruch auf vollkommene Nüchternheit oder lückenlose Objektivität. Wie es sich nach einem Cupfinal dieser Art gehört, haben Emotionen, Pulsfrequenz und gelegentliche Euphorie womöglich ihre feinen Spuren in der Wahrnehmung hinterlassen. Einzelne Szenen mögen daher in der Erinnerung einen Hauch dramatischer erscheinen, als es die reine Statistik erlauben würde. Im Wesentlichen jedoch hält sich der Bericht an die Wahrheit – jedenfalls an jene, auf die sich die Beteiligten nach dem zweiten Siegerbier noch einigen konnten.
Es gibt Tage, die im Vereinsgedächtnis nicht verblassen, sondern mit den Jahren nur an Glanz gewinnen. Der letzte Cupsieg einer Herrenmannschaft des Volleyballclub Herren Oberwallis lag nunmehr zwanzig Jahre zurück. Noch immer wurde von jenem Nachmittag gesprochen, fast so, als hätte die Zeit selbst davor ehrfürchtig innegehalten. Nun bot sich der gegenwärtigen Mannschaft die seltene Gelegenheit, ein neues Kapitel in diese Chronik einzuschreiben.
Die Ausgangslage hätte kaum reizvoller sein können. In der Meisterschaft hatte HOW 2 beinahe alles niedergerungen, was sich ihm in den Weg stellte. Beinahe, denn auf der anderen Seite des Netzes wartete mit Martigny Volley ausgerechnet jener Gegner, der den Oberwallisern in dieser Saison die einzige schmerzliche Erinnerung hinterlassen hatte. Der Tabellendritte, einziger Bezwinger, ebenbürtiger Rivale. Die Affiche versprach Spannung von jener Art, die man im Sport nicht planen, sondern nur erhoffen kann.
Früh war man nach Sitten gereist. Nicht allein aus Gewissenhaftigkeit, sondern auch, weil sich an diesem Tag selbst die Juniorenmannschaft für das Endspiel qualifiziert hatte. Von der bereits gutgefüllten Tribüne aus verfolgte man deren kompromisslosen 3:0-Erfolg. Ein verheissungsvoller Auftakt, der die Stimmung hob, ohne die Anspannung merklich zu lindern.
Da die wohl schönste Affiche des Tages erst um 15 Uhr angesetzt war, blieb noch Zeit für einen lockeren Spaziergang und ein feines Mittagsmahl in einem gehobenen Etablissement der Stadt. Danach folgten erste einschwörende Worte, ein letztes Sammeln der Gedanken und schliesslich die Rückkehr in die Halle. Dort war inzwischen kaum mehr ein Platz zu finden. Ein paar leise Worte der besseren Hälften, ein letzter Blick in vertraute Gesichter, und dann verschwand man in jenem eigentümlichen Fokustunnel, in dem sich Vorfreude und Nervosität zu einer kaum greifbaren Spannung verdichten.
Der erste Satz begann allerdings weniger mit Klarheit als mit innerem Ringen. Zwar trat HOW 2 mit einem topbesetzten Kader an und konnte aus dem Vollen schöpfen, doch ein Cupfinal entscheidet sich bekanntlich oft zuerst im Kopf und erst danach in Armen und Beinen. Martigny präsentierte sich vom ersten Ballwechsel an geordnet, gesammelt und von fast stoischer Ruhe getragen. HOW hingegen wirkte fahrig, beinahe übereilt. Bälle segelten ins Aus, Angriffe wurden zu hastig abgeschlossen, und in der Abstimmung lagen mitunter Welten zwischen guter Absicht und geglückter Ausführung.
Früh gerieten die Oberwalliser ins Hintertreffen. Erst nach mehreren Wechseln, bereits dem zweiten Time-out und einigen klaren Worten des Coaches fand HOW allmählich zu sich selbst. Nicht ohne Wirkung blieben dabei auch die Stimmen jener beiden verletzten Spieler im Kader, die nur zu gerne selbst auf dem Feld gestanden hätten und ihre Mannschaft mit Nachdruck und Herzblut wieder auf Kurs brachten. Das Spiel gewann an Struktur, die Bewegungen an Sicherheit. Doch die Hypothek der Anfangsphase war zu schwer. Martigny verwaltete den Vorsprung abgeklärt und sicherte sich den ersten Satz mit 25:19.
Mit dem Seitenwechsel schien sich jedoch auch die innere Ordnung zu verändern. Das Gute aus dem ersten Satz wurde bewahrt, das weniger Erfreuliche möglichst rasch der Vergangenheit überlassen. HOW begann nun merklich gefestigter und fand endlich Anschluss an jenes Niveau, das die Meisterschaft über Monate geprägt hatte.
Das Spiel wurde enger, intensiver, schöner. Martigny versuchte nun mit einer klaren Servicestrategie, Topscorer und Libero aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen. Ein durchaus vernünftiger Plan, nur zeigten beide Nerven von bemerkenswerter Güte. Das wiederum ermöglichte dem Passeur, seine Angreifer mit wachsender Eleganz einzusetzen. Vor allem über die Mitte wurde Punkt um Punkt errungen, kraftvoll und präzise, während Martigny dort kein veritables Gegenmittel fand.
Doch auch die Unterwalliser hielten dagegen, insbesondere über den Aussenangriff entwickelten sie beachtlichen Druck. So steuerte der Satz auf seine entscheidende Phase zu. Beim Stand von 22:22 kam jener Augenblick, wie ihn nur Finals hervorbringen. Der Diagonalangreifer von Martigny setzte einen Lineball um denkbar knappe Zentimeter ins Aus. Im Volleyball entscheiden bisweilen wenige Millimeter über Heldentum oder leises Bedauern. HOW erkannte die Gunst des Augenblicks und holte sich den Satz mit 25:23.
Nun war alles wieder offen, und die Halle hatte sich längst in ein brodelndes Schauspiel verwandelt. Die Ränge waren bis auf den letzten Platz gefüllt, die Stimmung stand kurz davor, sich in reine Ekstase zu verwandeln. Getragen von dieser Kulisse spielte HOW im dritten Satz merklich befreiter auf und fand nun zu jener Dominanz, die man bis dahin nur geahnt hatte.
Vieles gelang jetzt mit einer fast selbstverständlichen Klarheit. Die Annahme stabilisierte sich, die Passverteilung gewann an Variabilität, und Martigny musste sich neu sortieren. Hinzu kam, dass einer ihrer besten Spieler zwischenzeitlich vom Physio betreut werden musste. HOW nutzte diese Phase klug, erspielte sich einen Vorsprung und verwaltete ihn mit jener Mischung aus Ruhe und Entschlossenheit, die in grossen Spielen von unschätzbarem Wert ist. Mit 25:21 ging auch dieser Satz an die Oberwalliser.
Und mit einem Mal war man dem Cupsieg näher als je zuvor. Näher jedenfalls als bei den beiden vorangegangenen Finalanläufen, die seinerzeit mit der Eleganz eines Vorschlaghammers jeweils 0:3 geendet hatten.
Doch Martigny gedachte keineswegs, sich in die Rolle des ehrbaren Statisten zu fügen. Im vierten Satz zeigte der Gegner eindrucksvoll Charakter. Selbst der zuvor behandelte Spieler kehrte zurück, und während Martigny sich nochmals sammelte, schien HOW in der Satzpause geistig noch damit beschäftigt gewesen zu sein, wie sich ein Pokal wohl in den Händen anfühlen möchte.
Der Start missriet vollständig. Rasch lag man mehrere Punkte zurück, das erste Time-out musste ungewöhnlich früh gezogen werden. Es wurde nun überdeutlich, dass dieser Final nicht allein über Technik, sondern vor allem über Nerven entschieden werden würde. Doch der vierte Satz verlief ganz und gar nicht nach den Vorstellungen der Oberwalliser. Hinzu kamen erste Krampferscheinungen, die sich wie kleine Verratsmomente des Körpers bemerkbar machten. Martigny blieb klarer, präziser und entschied den Satz verdient mit 25:14 für sich.
So musste der fünfte Satz über das Schicksal dieses Nachmittags entscheiden.
In der Halle lag nun eine Spannung, die beinahe greifbar geworden war. Jeder Ballwechsel schien plötzlich schwerer zu wiegen, als trüge er das Gewicht einer ganzen Saison in sich. HOW servierte zum Auftakt, Martigny setzte zum ersten Angriff an, doch ein wuchtiger Block vereitelte den Punktgewinn der Unterwalliser. Ein kleines Detail vielleicht, doch in Wahrheit war es jener erste Pinselstrich, der dem letzten Satz seine Richtung gab.
HOW erspielte sich in der Folge einen kleinen Vorsprung. Zum Seitenwechsel führten die Oberwalliser knapp mit zwei Punkten. Von den Rängen herab trugen die zahlreich mitgereisten Fans aus dem Oberwallis ihre Mannschaft nun mit einer Kraft, die weit über blossen Lärm hinausging. Martigny versuchte noch einmal alles, doch HOW liess den Gegner nicht mehr entscheidend herankommen.
Beim Stand von 14:9 bot sich schliesslich jene eine Gelegenheit, für die man all die Jahre gespielt, trainiert, gehofft hatte. Martigny setzte zum Angriff an. Der Ball stieg auf, senkte sich und segelte ins Aus. Ein kurzer Blick zum Schiedsrichter, ein Moment des Innehaltens, dann Gewissheit.
Der Kampf war gewonnen.
Was danach folgte, entzog sich für Augenblicke jeder sachlichen Beschreibung. Die Halle tobte, die Spieler jubelten, und zwischen Erleichterung, Freude und stillem Unglauben lag jene seltene Schönheit des Augenblicks, die nur der Sport hervorzubringen vermag.
Nach langen Jahren des Zehrens durfte HOW 2 endlich die letzte Krone seines Palmares empfangen. Es war ein Final, der auf beide Seiten hätte kippen können. Martigny erwies sich als grosser, ebenbürtiger Gegner. Doch diesmal waren es die Oberwalliser, die in den entscheidenden Augenblicken den festeren Willen, die ruhigeren Hände und vielleicht auch das freundlichere Schicksal auf ihrer Seite wussten.
Nicht zuletzt war es auch die Wucht der mitgereisten Unterstützung, Kind und Kegel eingeschlossen, die diesen Triumph mittrug. Vor allem aber war es die Geschlossenheit eines Teams, das in dieser Saison nicht nur Spiele gewann, sondern in den schwierigen Augenblicken immer wieder zueinander fand.
So endet ein denkwürdiges Volleyballjahr in vollendeter Weise. Passend zum 25-Jahr-Vereinsjubiläum holt sich HOW 2 nach der Meisterschaft auch den Cup und vollendet damit das ersehnte Double. Und es dürfte niemanden verwundern, wenn man im Oberwallis auch in zwanzig Jahren noch von diesem Nachmittag sprechen wird.